Schwarz-Weiß Fotografie – die richtige Einstellung für besondere Wirkung

Nachts sind alle Katzen grau, sagt eine Volksweisheit. Gemeint ist damit optisch die verschwommene Wahrnehmung des menschlichen Auges, und zwar in der Zeit zwischen dem Sonnenuntergang und der vollkommenen Dunkelheit. In der Fotografie suchen die Fotokünstler der Schwarz-Weiß-Fotografie eben solche Lichtverhältnisse und beweisen in eindrucksvollen Bildern, dass Objekte auch mit diesen beiden Grundfarben als ausdrucksstarke Aufnahmen dargestellt werden können.

Schwarz-Weiß als Essenz der Darstellung von Objekten

Farben machen Vielfalt, das gilt auch für Effekt in der Fotografie. Allerdings besteht für manche Fotokünstler der begehrteste Effekt eben darin, auf Farben zu verzichten. Einzig Schwarz und Weiß „zeichnen“ den Charakter des Models in der Aufnahme, lassen eine Silhouette scharfkantig hervortreten oder weiche Konturen mit einem schemenhaften Hintergrund beinahe verschmelzen. Die Kunst besteht darin, alle Farbe außer Schwarz und Weiß aus der Aufnahme zu entfernen. Ein monochromer Ton in den unterschiedlich starken Kontrasten verändert stattdessen den Fokus auf ein Fotoobjekt.

Linien, Strukturen und Formen, Kontraste und Betonungen bleiben dabei als Essenz einer Situation übrig. Diese treten in den Vordergrund und haben durch das Fehlen anderer Farben eine veränderte emotionale Wirkung auf den Betrachter. Philosophisch gesprochen bedeutet eine gelungene Schwarz-Weiß-Fotografie die Rückkehr zum Wesentlichen. Dieses Ziel führt beim Fotografen selbst ebenfalls zu einem anderen Blickwinkel. Er muss vor seiner Kamera gedanklich alles ausblenden, was vom Wesentlichen seiner Bildaussage ablenken könnte. Zu scharfer Lichteinfall von einer Seite könnte den gewollten Schatten vor oder auf dem Objekt beeinträchtigen. Zu schwache Lichtbetonung würde die Silhouette, die Gesamtform verblassen oder verschwimmen lassen.

Schwarz-Weiß-Fotografen vertuschen keine Farbfehler

Natürlich sind bei aller Begeisterung für Schwarz-Weiß-Fotokunst auch Skeptiker zur Stelle. Sie unterstellen, ein Schwarz-Weiß-Bild würde höchstens Farbfehler vertuschen und Aufnahmefehler korrigieren. Nun ja, durchaus greifen Fotografen zu diesem Farbtrick, aber bei weitem nicht alle und gewiss nicht grundsätzlich. Vielmehr haben Fotokünstler mit dem Fokus auf Licht und Schatten gelernt, bei ihrer Betrachtung der Welt Farben gedanklich auszublenden, lange, bevor ein Objekt zum Foto wird. Sie sehen anders, sie denken anders und sie beurteilen Licht, Schatten, Farbe und Perspektive ebenfalls unabhängig von deren erster, direkter Ansicht. Solche Fotografen können zu Recht Querdenker oder abstrakte Künstler genannt werden. Nur führt ihre Abstraktion von der wohlüberlegten Betrachtung zur Essenz zurück.

Winzige Details müssen vorab exakt in ein Schwarz-Weiß-Bild hineingedacht oder aus diesem gezielt ausgeblendet werden. Bei menschlichen Models für Schwarz-Weiß-Aufnahmen müssen Teile des Gesichts oder Körpers in einen möglichst vorteilhaften Kontrast zu anderen Aufnahmebereichen gesetzt werden. Nur so ist es möglich, mit nur zwei Farben alle Aussagekraft von Licht, Schatten, Bewegung und Form künstlerisch zusammenzufassen.

Warum Schwarz-Weiß-Bilder so eine starke Interpretationskraft haben

Wer ein Schwarz-Weiß-Foto betrachtet, fühlt sich entweder nostalgisch berührt oder emotional zu einem Interpretationsversuch berufen. Die Nostalgiker sind dabei diejenigen, die noch die Aussagekraft alter Fotografien erleben, aus so alten Zeiten, als an Farbfotografie überhaupt noch nicht zu denken war. Die Interpreten verstehen hingegen eine Botschaft, die vom Objekt, seiner Umgebung und der Kontrastgestaltung ausgeht. Schwarz-Weiß-Fotografen selbst würden zu beiden Ansichten schmunzeln: Die vermeintlich tiefe Botschaft ist aus deren Sicht weiter nichts als ein gelungen eingefangener Augenblick, eine bildhaft künstlerische Symbiose aus Licht, Schatten und Objekt.

Allerdings ist es durchaus denkbar, dass ein Fotokünstler von einer unbewussten Botschaft zu seiner Aufnahme inspiriert ist, die er mit dem Bild zum Betrachter transportiert. Die Betonung liegt allerdings auf unbewusst, denn die bewusste Auswahl der Schwarz-Weiß-Motive ist eher technischer Natur. Ganz so, wie Maler mit ihren Bildern eine Geschichte erzählen, beschreibt eine Schwarz-Weiß-Fotografie die Schönheit des Lebens, und zwar eines kleinen oder umfassenden Details davon. Indem Betrachter davon zu Gedanken, Empfindungen und bestenfalls einem begeisterten Staunen inspiriert sind, hat diese Fototechnik ihren Zweck erfüllt. Sie fängt die Essenz eines Objekts als Komposition aus Licht und Schatten ein.

Foto-Bearbeitung: Schwarz-Weiß-Fotografien nachbearbeiten?

Visionäre können in der direkten Schwarz-Weiß-Aufnahme nur das einfangen, was der Augenblick für die Vision möglich macht. Eine Nachbearbeitung der Kontraste macht aus diesem eingefangenen Moment erst eine optische „Übersetzung“, zeigt also für Außenstehende, was der Fotograf eigentlich einfangen wollte. Die persönliche Sicht auf ein Objekt darf und sollte künstlerisch so nachbearbeitet werden, dass eben jene Inspiration möglich wird, die ein bloßes Foto von einem emotional ansprechenden Schwarz-Weiß-Bild unterscheidet.

Es darf dabei nicht unterschätzt werden, dass eine Kamera selbst in der perfektesten Digitaleinstellung nur emotionslos das einfängt, was direkt vor ihrem Objektiv positioniert wird. Die pure Realität entspricht aber meist nicht der eigentlichen Darstellungskraft von Fotoaufnahmen in Schwarz und Weiß. Erst der künstlerische Wille des Fotografen setzt nachträglich Licht und Schatten so in Szene, dass aus Pixeln und Kontrasten eine Form entsteht. Übrigens ist die Nachbearbeitung von Schwarz-Weiß-Fotografien weiter nichts als die eigene Interpretation des Künstlers, die er bestenfalls anschließend beim Betrachter anregt.

Schwarz-Weiß-Fotografie bevorzugen jene Fotokünstler, die durch eine abstrakte Sicht auf Dinge deren Essenz für Betrachter sichtbar machen. Weder werden dabei Aufnahmefehler vertuscht noch absichtlich tiefgründige Botschaften aufgezeichnet. Vielmehr entspricht der Verzicht auf Farben und das Spiel mit Licht und Schatten einer Vision, die der Fotograf bei der Auswahl seines Objekts hatte. Ist die Aufnahme durch geschicktes Fotografieren und gute Nachbearbeitung gelungen, fühlt sich der Betrachter von der Vision zu einer emotionalen Interpretation aufgefordert.

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